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Bürgermeistergalerie - Ist es in Ordnung die Vergangenheit unter den Tisch zu kehren?

Die Stadt Pinneberg existiert schon seit über 150 Jahren und in dieser langen Zeit kann viel geschehen. Im Laufe ihres Bestehens hatte die Stadt Pinneberg bereits viele Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, doch kann man diese alle im gleichen Rahmen präsentieren und mit Stolz auf sie zurück blicken?

Die Kontroverse

In der Bürgermeistergalerie der Stadt Pinneberg sind Portraits aller Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zu finden, die je im Amt waren. Dadurch entstand jedoch ein Problem. Durch einen Antrag der SPD (DS 23/227) wurde in Frage gestellt, wie man mit jenen Bürgermeistern umgehen sollte, die in der NS-Zeit im Amt waren. Sollten ihre Portraits abgehangen werden oder gäbe es eine andere Möglichkeit mit ihnen umzugehen? Betroffen waren Bürgermeister Henry Glissmann (im Amt von 1950 bis 1963) und Karl Coors (im Amt von 1937 bis 1945).
 

Historische Einordnung

Um einen fundierten Umgang mit den Portraits zu ermöglichen, wurde der Historiker Professor Dr. Uwe Danker damit beauftragt ein historisches Gutachten über die Amtszeit beider betroffener Bürgermeister zu erstellen. Seine Forschungsergebnisse präsentierte er vor dem Ausschuss Kultur, Sport und Jugend am 12.02.2025.

Henry Glissmann

Über Henry Glissmann hatte er Folgendes zu berichten: Er war Ende der 1920er-Jahre Leitender Beamter der Stadtverwaltung Pinneberg und zählte in der Endphase der Weimarer Republik zu den bekennenden Demokraten. Dennoch wird er bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Amt belassen. Glissmann passt sich an und tritt 1937 der NSDAP bei. Von 1942 bis 1944 ist er in der Verwaltung des „Reichskommissariats Ostland“ in Riga tätig. Auch wenn Danker von einer unpolitischen Verwaltungstätigkeit ausgeht, bleibt unter anderem aufgrund von Aktenverlusten letztlich offen, ob und wenn ja wie problematisch Glissmanns Tätigkeit in Riga war. 1946 kehrt er schließlich ins Pinneberger Rathaus zurück, wird 1947 als entlastet eingestuft und wirkt bis 1963 als Bürgermeister.

„Er war beliebt in Pinneberg und viele haben für ihn ausgesagt, auch Kommunisten“, beschreibt Danker die Zeit nach Ende des Krieges. Letztlich stelle Henry Glissmann eine durchaus typische, von Grautönen getragene deutsche Biografie dar, so das Fazit des Historikers.

Karl Coors

Etwas anders stellt sich laut Professor Danker das Handeln von Karl Coors dar. Zwar gilt er – 1925 zum Bürgermeister von Friedrichstadt gewählt – zunächst als parteipolitisch neutral und als guter Verwaltungsmann. Doch bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 passt er sich demonstrativ und massiv an und tritt umgehend – deutlich früher als Glissmann – in die NSDAP ein. Von 1937 an bleibt er bis zum Kriegsende Bürgermeister von Pinneberg, später sogar zusätzlich von Elmshorn. Coors wird 1945 von den Briten verhaftet und zwei Jahre lang interniert. 1948 wird er schließlich in zweiter Instanz freigesprochen, als „entlastet“ eingestuft, aber nicht wiedereingestellt.

Mehrere belegte Handlungen von Karl Coors – einen jüdischen Bürger nahm er in Schutzhaft, einen Kaufmann zeigte er wegen „heimtückischer Äußerungen“ an und empfahl seine Unterbringung in einem Konzentrationslager – bringen Danker letztlich dazu, ihn als niederträchtig zu beschreiben. Er sei in mehreren Fällen deutlich über das, was er habe tun müssen, hinausgegangen. Dennoch gelte für Karl Coors und für Henry Glissmann laut Danker gleichermaßen: „Sie waren keine NS-Verbrecher im eigentlichen Sinne.“

Wie soll mit den Erkenntnissen umgegangen werden?

Professer Danker sagte zu Ende seines Vortrags: „Ich wünsche mir, dass die Herren nicht einfach abgehängt werden, sondern man sich mit ihnen beschäftigt“. Er schlägt vor Mithilfe von Kurztexten neben den Gemälden und weiterführenden, per QR-Code abrufbaren Informationen die Betrachter in die Lage zu versetzen, und sie sich so selbst ein qualifiziertes Urteil bilden können. Denn letztlich handele es sich um lehrreiche Biografien, so Danker. Mit Blick auf die Formulierung der Texte neben den Gemälden hat Danker zudem bereits Textvorschläge erstellt, die während der Sitzung verteilt wurden.

Die Verwaltung der Stadt Pinneberg stimmt ihm in seiner Einschätzung zu und hat beschlossen, wie von ihm vorgeschlagen mit den Portraits umzugehen. So sagte dazu auch der Bürgermeister Thomas Voerste : „Ich finde den Vorschlag, die beiden früheren Verwaltungschefs nicht einfach aus der Wahrnehmung zu löschen, sondern sich mit ihrem Wirken inhaltlich zu befassen und daraus zu lernen, sehr zielführend.“